Untersuchungsausschuss Staatsoper – Quo vadis?

staatsoper unter den linden

Staatsoper Unter den Linden Berlin, CC-BY-SA 3.0 Beek 100

Im Mai vergangenen Jahres hat der Untersuchungsausschuss Staatsoper seine Arbeit aufgenommen. Zu diesem Zeitpunkt waren die wesentlichen Gründe, die zu Kostensteigerungen und Verzögerungen in diesem Projekt führten, bereits bekannt. Die zuständigen Senatsverwaltungen haben hierzu regelmäßig im  Abgeordnetenhaus und in der Öffentlichkeit berichtet. Zielsetzung des Ausschusses ist es daher, mögliche verbliebene Fragen aufzuarbeiten und Schlussfolgerungen für zukünftige öffentliche Bauvorhaben zu ziehen. 

Baulicher Zustand und Baugrund

Von Anfang an wurde deutlich, dass der schlechte bauliche Zustand der Staatsoper – Zeugen sprachen von „einer Ruine“ – keine Alternative zu einer grundlegenden Sanierung ließ. Durch mehrmalige Umbauten, Brände, Kriegsschäden und punktuelle Reparaturen in den letzten 250 Jahren glich das Bauwerk einem notdürftig zusammengehaltenen Flickenteppich. Zudem drang Wasser in den Keller ein. Nur durch dauerhaftes Abpumpen des Grundwassers rund um die Staatsoper konnte verhindert werden, dass der Keller des Hauses gänzlich unter Wasser stand. Die Mitarbeiter waren Gefährdungen ausgesetzt, weil die marode Bühnentechnik nicht mehr den geltenden Arbeitsschutz- und Sicherheitsnormen entsprach, beispielsweise beim Brandschutz.

Im Verlauf der Untersuchung wurden sehr eindrücklich die Schwierigkeiten und Unwägbarkeiten deutlich, die bei der Sanierung alter Gebäude auftreten können. Es wurde deutlich, dass dieses Bauvorhaben in seiner Komplexität einmalig ist – und wesentlich aufwendiger als ein Neubau der gleichen Größenordnung. Es existierten nur fragmentarische Dokumentationen über den Baugrund und den Gebäudebestand. Diese mussten bei der Erstellung der Zielplanung erst angefertigt werden. Umfangreiche Voruntersuchungen an Mauerwerk, Decken und Statik waren im laufenden Opernbetrieb auch nicht möglich. So war das immense Ausmaß der Schäden im Bauwerk für niemanden der Beteiligten vorhersehbar.

Letztlich mussten aus statischen Gründen Mauerwerk und Decken in erheblichem Umfang saniert und fast die komplette Hülle des Gebäudes ausgetauscht werden. So wurden mehrere tausend Quadratmeter Mauerwerk und Decken mehr ausgetauscht, als ursprünglich abzusehen war. Nicht zuletzt fanden sich in den Wänden mehr als 4.000 Kleineisenteile, die aufwendig einzeln entfernt werden mussten.

Hinzu kamen unerwartete Ereignisse wie der Fund historischer Holzpfähle in einer Tiefe von 17 Metern und anderer Hindernisse wie eines alten Tresorraumes oder alter Wasserrohrleitungen mitten in einer meterdicken Betonsohle. Derzeit gibt es keine technischen Verfahren, mit denen Holzpfähle, die in einer solchen Tiefe im Erdreich liegen, vorher hätten lokalisiert werden können. Diese Funde hatten negative Auswirkungen auf die Herstellung des Fundaments und Trockenlegung der Baugrube, denn der dadurch erforderliche technische Aufwand war immens. So musste bei der Abdichtung der Baugrube u.a. mit Vereisung gearbeitet werden, weil aufgrund der zahlreichen Hindernisse nicht mit herkömmlichen Schlitzwänden gebaut werden konnte. Auch andere konventionelle Bautechniken versagten angesichts der speziellen Herausforderungen dieses Projektes.

Diese und weitere Faktoren führten nicht nur zu erheblichem zusätzlichem Materialaufwand und Personaleinsatz. Es wurden auch permanente Um- und Neuplanungen erforderlich, die zusätzliche Kosten generierten. All dies benötigte auch zusätzliche Zeit und führte zu den bekannten Verschiebungen des geplanten Eröffnungstermins.

Nutzerwünsche

Bei den bisherigen Zeugenbefragungen wurde auch deutlich, dass es aufgrund zusätzlicher und nachträglicher Wünsche des Nutzers, also der Staatsoper selbst, zu zusätzlichen Druck auf das Projekt kam. Die Nutzerseite stellte oftmals Ansprüche, die nicht finanzierbar und z.T. auch denkmalrechtlich bedenklich waren und dementsprechend von der Verwaltung zurückgewiesen wurden. Ein Beispiel dafür war der von der Staatsoper gewünschte Einbau eines 4. Ranges. Es entstand zudem der Eindruck, dass die Staatsoper selbst intern hinsichtlich der Bedarfsplanung nur unzulänglich abgestimmt war. Bei der Vernehmung von Denkmalschützern, Planern und der künstlerischen Leitung der Staatsoper wurde deutlich, wie unterschiedlich die Interessen der Beteiligten auf Nutzerseite schon in der Planungsphase waren.

Gestaltung des Zuschauersaals

Verzögerungen entstanden auch durch den Abbruch des Gestaltungswettbewerbs für den Zuschauersaal, der sowohl die Berücksichtigung von Aspekten des Denkmalschutzes als auch eine deutliche Verbesserung der Bedingungen für die Zuschauer forderte. Letzteres bezog sich insbesondere auf die Akustik des Saales, vor allem hinsichtlich der sehr kurzen Nachhallzeit, und auf die schlechte Sicht von zahlreichen Sitzplätzen zur Bühne. Der zunächst favorisierte Entwurf von Klaus Roth beinhaltete eine radikal moderne Gestaltung des Saales, die jedoch den Belangen des Denkmalschutzes nicht ausreichend gerecht wurde. Hinzu kam, dass sich die Stadtöffentlichkeit mit deutlicher Mehrheit für den Erhalt des historischen Saales aussprach, den der Architekt Richard Paulick bei der Nachkriegssanierung Anfang der 1950er Jahre im Stil des Rokoko gestaltet hatte. Nach dem Abbruch des Gestaltungswettbewerbs musste daher eine Lösung gefunden werden, wie der Saal in seiner bisherigen Gestaltung erhalten werden und gleichzeitig vor allem die Akustik verbessert werden konnte. Eine Lösung fand der Architekt H.G. Merz mit der Anhebung der Decke und dem Einbau einer Nachhallgalerie. Die historische Decke wurde nach der Anhebung vollständig wieder eingebaut. Insgesamt kosteten die Entscheidungsfindung und Neuplanung an dieser Stelle jedoch zusätzlich Zeit und Geld.

Fazit

Bisher lässt sich konstatieren, dass aus einer Mischung aus unvorhersehbaren Problemen im Bestandsbauwerk und im Baugrund, den Entscheidungen rund um die Gestaltung des Zuschauersaales und den Wünschen der Nutzer das Projekt unter Kosten- und Termindruck geriet. Es darf auch nicht vergessen werden, dass neben der äußerst komplexen Sanierung von Bühnenhaus und Intendanzgebäude zusätzlich auch ein komplettes Neubauvorhaben für das Magazingebäude und das unterirdische Verbindungsbauwerk zum Bühnenhaus durchgeführt wurde.

Die Bauverwaltung hat auf all diese Schwierigkeiten gut reagiert. Nachdem deutlich wurde, dass das mit der Projektsteuerung beauftragte Unternehmen der Komplexität des Projektes nicht gewachsen war, fand im Jahr 2012 ein Wechsel statt. Dies war laut verschiedenen Zeugenaussagen ein positiver Wendepunkt in dem Projekt. Zu erwähnen ist auch, dass es nach den bisherigen Erkenntnissen keinen „Pfusch am Bau“ gegeben hat, sondern vor allem die im Bestand vorgefundenen Bedingungen unerwartet schlecht waren. Die Überlappung von Bau- und Planungsphase war eine zusätzliche Herausforderung, die jedoch aufgrund der unbekannten Bestandssituation kaum zu vermeiden war.

Die Entwicklungen im Projekt wurden dem Abgeordnetenhaus und der Öffentlichkeit gegenüber transparent dargestellt. Kaum eine Baumaßnahme in Berlin ist durch so zahlreiche Vorlagen an den Hauptausschuss und an andere Stellen gegenüber der Öffentlichkeit dokumentiert.

In den kommenden Monaten wird im Rahmen des Abschlussberichtes aufzuarbeiten sein, welche Lehren man aus der Sanierung der Staatsoper für zukünftige Bauprojekte in Berlin ziehen kann. Schon jetzt ist klar, dass Sanierungsprojekte an Gebäuden wie der Staatsoper mit deutlich höheren Risikopuffern kalkuliert werden müssen. Während Neubauprojekte üblicherweise mit 10% und Projekte in Altbauten mit ca. 15% Aufschlag für Unvorhergesehenes kalkuliert werden, wären im Fall der Staatsoper 40-50% angemessen gewesen. Zudem erfordern solche einmaligen, mit einem hohen Maß an Unbekanntem verbundenen Bauprojekte ein umfassenderes und professionelleres Risikomanagement während der gesamten Planungs- und Bauphase.

Die von der Bundesregierung einberufene „Reformkommission Bau von Großprojekten“ hat diese und andere Aspekte mit dem Ziel untersucht, Kostenwahrheit, Kostentransparenz, Effizienz und Termintreue bei Großprojekten zu verbessern. Sowohl die von der Reformkommission 2015 unterbreiteten Vorschläge als auch die Ergebnisse des Untersuchungsausschusses Staatsoper werden dazu sicher beitragen.

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