Untersuchungsbericht Staatsoper: Kein „Pfusch am Bau“

Staatsoper Unter den Linden, CC BY-SA 3.0 Beek 100

Staatsoper Unter den Linden, CC BY-SA 3.0 Beek 100

Die Staatsoper Unter den Linden ist ein Baudenkmal von internationaler Bedeutung. Sie ist über 250 Jahre alt, wurde mehrfach teilweise zerstört und wiederaufgebaut und war zu Beginn des neuen Jahrtausends in hohem Maße sanierungsbedürftig. Die Sanierung des Gebäudeensembles ist eines der anspruchsvollsten und komplexesten Bauvorhaben Deutschlands. Eine der wichtigsten Feststellungen des Untersuchungsausschusses ist: Bei der Staatsoper gab es keinen „Pfusch am Bau“. Vielmehr sind die Kosten- und Terminüberschreitungen in den massiven und unvorhersehbaren Problemen mit der Bausubstanz und dem Baugrund, aber auch in einer unzureichenden Bedarfsabstimmung in der Planungsphase und dem Festhalten an einem vorgegebenen Eröffnungstermin zu finden.

Um die Jahrtausendwende befand sich das Land Berlin in einer schwierigen Haushaltslage. Viele forderten, gerade im Kulturbereich massive Einsparungen vorzunehmen. Man diskutierte über die Schließung von einem der drei Opernhäuser. In dieser schwierigen Situation wird mit Klaus Wowereit ein neuer Regierender Bürgermeister gewählt, der das Thema Kultur trotz aller finanziellen Herausforderungen der Stadt ausbaut und fördert. Kulturund Kreativwirtschaft werden als besondere Stärke von Berlin erkannt. Die Schließung eines Opernhauses ist kein Thema mehr, die drei Häuser werden in der neu gegründeten Stiftung Oper unter einem Dach zusammengeführt. Im Jahr 2005 warb Peter Dussmann, Vorsitzender des Vereins Freunde und Förderer der Staatsoper, massiv für die Sanierung der Staatsoper und stellte 30 Mio. Euro dafür in Aussicht. Letztlich flossen nur 3,5 Mio. Euro an Spenden. Allein dadurch entstanden dem Land Berlin zusätzliche Kosten von mehr als 26 Mio. €. Grundsätzlich ist bürgerliches Engagement natürlich zu begrüßen, aber es ist auch realistisch zu bewerten. Mit einer Kostenübernahme in Höhe von 200 Millionen Euro konnte der Bund für das Sanierungsprojekt gewonnen werden – ein Erfolg des Senates, der die Verhandlungen geführt hatte. Schnell wurde dem Ausschuss deutlich, dass der schlechte bauliche Zustand der Staatsoper-Zeugen sprachen von „einer Ruine“ – keine Alternative zu einer grundlegenden Sanierung ließ.

Die Oper als Flickenteppich

Durch mehrmalige Umbauten, Brände, Kriegsschäden und punktuelle Reparaturen in den letzten 250 Jahren glich das Bauwerk einem notdürftig zusammengehaltenen Flickenteppich. Zudem drang Wasser in den Keller ein. Nur durch dauerhaftes Abpumpen des Grundwassers rund um die Staatsoper konnte verhindert werden, dass der Keller des Hauses gänzlich unter Wasser stand. Die Mitarbeiter waren Gefährdungen ausgesetzt, weil die marode Bühnentechnik nicht mehr den geltenden Arbeitsschutz- und Sicherheitsnormen entsprach, beispielsweise beim Brandschutz. Im Verlauf der Untersuchung wurden sehr eindrücklich die Schwierigkeiten und Unwägbarkeiten deutlich, die bei der Sanierung alter Gebäude auftreten können. Es wurde deutlich, dass dieses Bauvorhaben in seiner Komplexität einmalig ist – und wesentlich aufwendiger als ein Neubau der gleichen Größenordnung. Es existierten nur fragmentarische Dokumentationen über den Baugrund und den Gebäudebestand. Diese mussten bei der Erstellung der Zielplanung erst angefertigt werden. Umfangreiche Voruntersuchungen an Mauerwerk, Decken und Statik waren im laufenden Opernbetrieb seinerzeit nicht möglich. So war das immense Ausmaß der Schäden im Bauwerk für niemanden der Beteiligten vorhersehbar. Ein Zeuge drückte es so aus: „Das war von keinem vorhersehbar, was dieses Gebäude dort uns geliefert hat. Definitiv nicht.“ Letztlich mussten aus statischen Grün den Mauerwerk und Decken in erheblichem Umfang saniert und fast die komplette Hülle des Gebäudes ausgetauscht werden. So wurden mehrere tausend Quadratmeter Mauerwerk und Decken mehr ausgetauscht, als ursprünglich abzusehen war.

Nicht zuletzt fanden sich in den Wänden mehr als 4.000 Kleineisenteile, die aufwendig einzeln entfernt werden mussten. Hinzu kamen unerwartete Ereignisse wie der Fund historischer Holzpfähle in einer Tiefe von 17 Metern und anderer Hindernisse wie eines alten Tresorraumes oder alter Wasserrohrleitungen mitten in einer meterdicken Betonsohle. Derzeit gibt es keine technischen Verfahren, mit denen Holzpfähle, die in einer solchen Tiefe im Erdreich liegen, vorher hätten lokalisiert werden können. Diese Funde hatten negative Auswirkungen auf die Herstellung des Fundaments und Trockenlegung der Baugrube, denn der dadurch erforderliche technische Aufwand war immens. So musste bei der Abdichtung der Baugrube u.a. mit Vereisung gearbeitet werden, weil aufgrund der zahlreichen Hindernisse nicht mit herkömmlichen Schlitzwänden gebaut werden konnte. Auch andere konventionelle Bautechniken versagten angesichts der speziellen Herausforderungen dieses Projektes. Diese und weitere Faktoren führten nicht nur zu erheblichem zusätzlichem Materialaufwand und Personaleinsatz. Es wurden auch Um- und Neuplanungen erforderlich, die zusätzliche Kosten generierten. All dies benötigte auch zusätzliche Zeit und führte zu den bekannten Verschiebungen des geplanten Eröffnungstermins. Allein der unvorhersehbare Fund der Holzpfähle führte zu einer Verzögerung von mehr als einem halben Jahr.

Neue Nutzerwünsche

Bei den bisherigen Zeugenbefragungen wurde auch deutlich, dass es aufgrund zusätzlicher und nachträglicher Wünsche des Nutzers, also der Staatsoper selbst, zu zusätzlichen Druck auf das Projekt kam. Die Nutzerseite stellte oftmals Ansprüche, die nicht finanzierbar und z.T. auch denkmalrechtlich bedenklich waren und dementsprechend von der Verwaltung zurückgewiesen wurden. Ein Beispiel dafür war der von der Staatsoper gewünschte Einbau eines 4. Ranges. Es entstand zudem der Eindruck, dass die Staatsoper selbst intern hinsichtlich der Bedarfsplanung nur unzulänglich abgestimmt war. Bei der Vernehmung von Denkmalschützern, Planern und der künstlerischen Leitung der Staatsoper wurde deutlich, wie unterschiedlich die Interessen der Beteiligten auf Nutzerseite schon in der Planungsphase waren.

Gestaltung des Zuschauersaals

Verzögerungen entstanden auch durch den Abbruch des Gestaltungswettbewerbs für den Zuschauersaal, der sowohl die Berücksichtigung von Aspekten des Denkmalschutzes als auch eine deutliche Verbesserung der Bedingungen für die Zuschauer forderte. Letzteres bezog sich insbesondere auf die Akustik des Saales, vor allem hinsichtlich der sehr kurzen Nachhallzeit, und auf die schlechte Sicht von zahlreichen Sitzplätzen zur Bühne. Der zunächst favorisierte Entwurf von Klaus Roth beinhaltete eine radikal moderne Gestaltung des Saales, die jedoch den Belangen des Denkmalschutzes nicht ausreichend gerecht wurde. Die einstimmige Entscheidung des Senates für eine denkmalgerechte Sanierung des Zuschauersaals führte zur Entscheidung vom Juli 2008, den Architektenwettbewerb aufzuheben. Diese Aufhebung wiederum verschärfte den bereits vorhandenen Zeitdruck. Der gut gemeinte Ansatz durch Termindruck schnellere Bauerfolge zu erzielen, erwies sich hier als unrealistisch und in der Folge auch teuer. Der massive Termindruck blieb somit bestehen und zog weitere Konsequenzen nach sich. So wurde die Planungszeit verkürzt und mit Teil-Bauplanungsunterlagen als Beschleunigungsmaßnahme gearbeitet. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass sowohl parteiübergreifend die politischen Akteure als auch die Stadtgesellschaft mit deutlicher Mehrheit sich für den Erhalt des historischen Saals, den der Architekt Richard Paulick bei der Nachkriegssanierung Anfang der 1950er Jahre im Stil des Rokoko gestaltet hatte, positionierten. Die Debatte um den Zuschauersaal der Staatsoper wurde nicht nur im Abgeordnetenhaus emotional geführt, sondern erregte auch die Gemüter über die Berliner Landesgrenzen hinaus.

Gleichwohl wäre wohl vor dem Hintergrund der eindeutigen Hinweise aus der Bauverwaltung die frühzeitige Verschiebung des Eröffnungstermins um ein Jahr sinnvoll gewesen. Nach dem Abbruch des Gestaltungswettbewerbs musste daher eine Lösung gefunden werden, wie der Saal in seiner bisherigen Gestaltung erhalten werden und gleichzeitig vor allem die Akustik verbessert werden konnte. Eine Lösung fand der Architekt H.G. Merz mit der Anhebung der Decke und dem Einbau einer Nachhallgalerie. Die historische Decke wurde nach der Anhebung vollständig wieder eingebaut. Insgesamt kosteten die Entscheidungsfindung und Neuplanung an dieser Stelle jedoch zusätzlich Zeit und Geld. Es lässt sich konstatieren, dass aus einer Mischung aus unvorhersehbaren Problemen im Bestandsbauwerk und im Baugrund, die Entscheidungen rund um die Gestaltung des Zuschauersaales und den Wünschen der Nutzer das Projekt unter Kosten- und Termindruck geriet. Es darf auch nicht vergessen werden, dass neben der äußerst komplexen Sanierung von Bühnenhaus und Intendanzgebäude zusätzlich auch ein komplettes Neubauvorhaben für das Magazingebäude und das unterirdische Verbindungsbauwerk zum Bühnenhaus durchgeführt wurde. Es wurde klar, dass Sanierungsprojekte an Gebäuden wie der Staatsoper mit deutlich höheren Risikopuffern kalkuliert werden müssen. Während Neubauprojekte üblicherweise mit 10% und Projekte in Altbauten mit ca. 15% Aufschlag für Unvorhergesehenes kalkuliert werden, wären im Fall der Staatsoper 40-50% angemessen gewesen. Zudem erfordern solche einmaligen, mit einem hohen Maß an Unbekanntem verbundenen Bauprojekte ein umfassenderes und professionelleres Risikomanagement während der gesamten Planungsund Bauphase.

Die von der Bundesregierung einberufene „Reformkommission Bau von Großprojekten“ hat diese und andere Aspekte mit dem Ziel untersucht, Kostenwahrheit, Kostentransparenz, Effizienz und Termintreue bei Großprojekten zu verbessern. Sowohl die von der Reformkommission 2015 unterbreiteten Vorschläge als auch die Ergebnisse des Untersuchungsausschusses Staatsoper werden dazu sicher beitragen. Angesichts der schwierigen Rahmenbedingungen hat die Bauverwaltung eine hervorragende Arbeit geleistet. Nachdem deutlich wurde, dass das mit der Projektsteuerung beauftragte Unternehmen der Komplexität des Projektes nicht gewachsen war, fand im Jahr 2012 ein Wechsel statt. Dies war laut verschiedenen Zeugenaussagen ein positiver Wendepunkt in dem Projekt. Die Überlappung von Bauund Planungsphase war eine zusätzliche Herausforderung, die jedoch aufgrund der unbekannten Bestandssituation kaum zu vermeiden war. Die Staatsoper Unter den Linden wird nach ihrer Wiedereröffnung ein Aushängeschild für das Land Berlin und seine Kulturlandschaft sein. Sie wird in der Spitzenliga der Opernhäuser spielen. Trotz der aufgetretenen Schwierigkeiten ist die Sanierung ein Erfolg und Berlin wird ein hervorragendes Opernhaus von Weltrang erhalten.

Dieser Beitrag von Ülker Radziwill, Sprecherin der SPD-Fraktion im Untersuchungsausschuss Staatsoper, und mir ist zuvor in der Berliner Stimme Nr. 14 2016 erschienen.

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